Radio Holiday Interview

Richtiges Verhalten bei Amputationsverletzungen

Doz. Dr. Alexander Gardetto ist Sanitätsdirektor der Brixsana private clinic und Leiter der Abteilung plastische, ästhetische und rekonstruktive Chirurgie. Er hat eine lange Erfahrung als Unfall- und Wiederherstellungschirurg und in Südtirol schon...

Doz. Dr. Alexander Gardetto ist Sanitätsdirektor der Brixsana private clinic und Leiter der Abteilung plastische, ästhetische und rekonstruktive Chirurgie. Er hat eine lange Erfahrung als Unfall- und Wiederherstellungschirurg und in Südtirol schon vielfach Amputationen durchgeführt. Am 24.06. sprach er im Gesundheitsmagazin auf Radio Holiday über das richtige Verhalten bei einem Unfall mit Amputationsfolge und die Hoffnung seiner neuen Therapie und neuesten medizinischen Entwicklung: der bionischen Prothese.

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Transkript

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Die verschiedenen Arten der Amputation

Diese Unterscheidung ist wichtig

Wenn bei einem Unfall eine Gliedmaße abgetrennt wird, spricht man von traumatischen oder traumabedingten Amputationen. Doch Amputation ist nicht gleich Amputation. Für das weitere Vorgehen ist es wichtig, diese Möglichkeiten voneinander zu unterscheiden:

  • Glatte Amputationen: Sie bezeichnen die Abtrennung einer Gliedmaße durch ein scharfes Schneidewerkzeug, welches einen relativ glatten Schnitt erzeugt. Diese Unfälle häufen sich saisonal und treten vor allem im Herbst auf, wenn Holz geschnitten wird und die Kreissägen laufen.

  • Quetschamputationen: Hierbei wird ein Körperteil gequetscht. Mit dem Holzspalter ist das häufig der Fall.

  • Ausriss-Amputationen oder Exartikulationen: Eine Gliedmaße wird durch extreme Kraftanwendung wie einem Maschinenunfall oder einer Explosion vom Körper abgerissen.

  • Skelettrierungs-Amputationen: Sie werden auch Avulsionen genannt. Beispiel: Man bleibt mit dem Ehering irgendwo hängen und mit ihm auch das Gewebe rund um den Knochen des Fingers, während der Knochen am Körper bleibt.

  • Kombinierte Amputation: eine Kombination aus den oben genannten Möglichkeiten

Richtiges Verhalten bei Amputationen

Im Notfall gut zu wissen

Zuerst geht es natürlich darum, die Wunde abzuschnüren, falls diese blutet. Dies kann mit einem Druckverband wie beispielsweise einem Gürtel passieren.

Sobald der abgetrennte Körperteil – auch Amputat genannt – gefunden worden ist, sollte es in sterile bzw. saubere Tücher eingewickelt werden und anschließend in einen Beutel aus Plastik gelegt werden, welcher wasserdicht abgeschnürt wird. Dieser Beutel wir dann in einen weiteren Plastikbeutel gelegt werden, welcher mit kaltem Wasser und bestenfalls auch mit Eiswürfeln gefüllt wird.

ACHTUNG: Auf keinen Fall sollten Desinfektionsmittel oder anderweitige Reinigungsmechanismen zur Anwendung kommen. Das Amputat darf auch nicht direkt auf Eis liegen, da ansonsten die Gefahr der Erfrierung und somit des Absterbens der Gliedmaße droht. Dann ist ein Annähen nicht mehr möglich.

Wie lange kann man amputierte Körperteile wieder annähen?

Das sagen die Experten

Je rascher der Transport in die Klinik folgt, desto besser. Am besten rufen Sie vorher in der Brixsana private clinic an, damit wir uns auf Sie und alles Weitere vorbereiten können.

Immer ist ein rascher Transport nicht möglich, beispielsweise wenn man auf dem Berg ist und ähnlich. Das korrekt verpackte Amputat kann im Kühlschrank bei +4° C gelagert werden. ACHTUNG: Es sollte wiederum nicht in die Tiefkühltruhe gelegt werden, da ansonsten Erfrierungen auftreten.

Ein Finger kann ungekühlt 8–12 Stunden aufbewahrt werden, bei Kühlung bis zu 24 Stunden lang. Dies deshalb, da er keine Muskulatur besitzt.

Ist der Ort der Amputation von Muskeln durchzogen – wie die Mittelhand, der Arm, der Fuß oder Unterschenkel – kann die Gliedmaße ungekühlt bis zu 4–5 Stunden warten und bis zu 8 Stunden, falls es korrekt auf +4° C gekühlt wird.

Wiederherstellungschirurgie oder Replantation

Wie hoch ist die Chance, dass es klappt?

Bei glatten Amputationen kann man Gefäße, Muskeln und Sehnen sehr wahrscheinlich wieder sauber ineinander vernähen. Der Erfolg einer Replantation – die Wiederherstellung des verlorenen Körperteils unter Wiederherstellung der Blutversorgung und Funktion – liegt bei 80 bis 90 Prozent. Bei den anderen Formen ist die Möglichkeit der Wiederherstellung kaum gegeben oder von vornherein unmöglich, da die Gewebeschäden und Verletzungen von Blutgefäßen und Nerven meist enorm sind und nicht wieder miteinander verbunden werden können. Der Eingriff erfolgt natürlich unter Vollnarkose oder Teilnarkose (Spinalanästhesie).

Ergibt eine Replantation immer Sinn?

Nein, nicht unbedingt – aber warum?

Der Sinn hängt vom Körperteil, aber auch von subjektiven Faktoren wie dem Beruf und Vorerkrankungen ab.

Bei schweren Unfällen muss immer eine Abwägung stattfinden: Liegt ein Polytrauma vor, dann geht die Sicherstellung der vitalen Funktionen und das Überleben in allen Fällen vor.

Was viele nicht wissen, aber sehr wichtig ist: Der Daumen gehört zwar zu den Mikro-Replantationen, jedoch ist er aus funktioneller Sicht der wichtigste aller Finger. Kein anderer Finger hat so einen wichtigen Stellenwert wie der Daumen. Leider gibt es nach wie vor Ärzte, welche einen amputierten Daumen als relative Indikation bezeichnen. Vor allem bei Kindern sollte man sich nicht abfertigen lassen. Im Falle einer Daumen-Amputation ist alles versuchen das Gebot der Stunde.

Eine Amputation eines anderen Fingers – auch isolierter Langfinger genannt – kann man mit dem Patienten individuell besprechen: Es hängt sehr stark von subjektiven Faktoren wie den Beruf und auch von der Krankengeschichte ab, wie relevant ein Finger ist: Bei einem Musiker beispielsweise, welcher ein Tasteninstrument spielt sollte eine Replantation immer probiert werden. Es gibt aber auch Patienten, welche ohne einen Finger oder halben Finger relativ gut leben können. Endglieder und Fingerkuppen sind grundsätzlich schwierig zu replantieren, vor allem dann, wenn Gelenke zerstört worden sind oder das Amputat gequetscht ist. Bei Krankheiten wie Diabetes mellitus, Herzinsuffizienz oder einer schweren peripheren arteriellen Verschlusskrankheit (PAVK) ist der Sinn der Wiederherstellung nicht immer gegeben.

Bionische Prothese

Wie es genau funktioniert

Die bionische Prothese sorgt für viel Lebensqualität: Sie stattet den Patienten mit einem Tastsinn aus, wie sie die eigene Gliedmaße hatte. Das Gehirn wird dadurch ausgetrickst: Es hält die Prothese für einen Teil des Körpers, wodurch Phantomschmerzen auf ein Minimum reduziert werden oder ganz wegbleiben – auch dann, wenn andere Therapien wie medikamentöse Behandlung und Physiotherapie fehlschlagen.

Die neuartige bionische Fuß- oder Beinprothese zum Beispiel besitzt eine Sensorsocke mit vier Sensoren als sensorisches Feedbacksystem, welche direkt in die Sohle der Prothese eingebaut und dann dort fest verankert wird. Von diesen Sensoren werden die Signale an die renovierte Haut am Amputationsstumpf transferiert, wo es zu Vibrationen kommt, sobald der Fuß auf dem Boden aufgesetzt wird. Es wird zuerst die Ferse und dann die Zehen aktiviert – was der Patient spüren kann. Dank der von Doz. Dr. Gardetto entwickelten Therapie müssen für diese authentische Sensibilisierung keine Fremdkörper an die Nerven oder Nervenenden implantiert werden: Alles ist allein durch das „Recycling“ des eigenen Nervs möglich.

Damit ein Patient mit dieser Prothese fühlt, bedarf es eines speziellen chirurgischen Eingriffs, bei welchem die Nerven richtig transferiert oder transplantiert werden müssen. Je nach Gliedmaße muss genau abgewogen werden, durch welche Nerven die sogenannte „authentische Sensibilität“ – also der realistische Tastsinn – am meisten abhängt. Beim Fuß ist es der sogenannte nervus uralis, welcher für das Gefühl am Fußrand, an der Achillessehne und Fußsohle verantwortlich ist. Der Nerv wird dann bereits bei der Amputation so präpariert, damit er dann so transferiert werden kann, um die sogenannte „gezielte Renovation“ zu ermöglichen.

Wichtig ist auch das Vermeiden von elektrisierenden Schmerzen an den Neuromen, welche an den verdickten Stellen der abgeschnittenen Nervenenden auftreten und akut einschießen. Sie werden als brennend, stechend und besonders belastend beschrieben. Diesen kann man entgegenwirken, indem ein kleines, ca. 3 cm großes Muskelstück wird um die Nervenenden herum gewickelt und dann vernäht wird. Nach dieser Behandlung ist der Patient bereit für die Prothese.

Es ist Geduld gefragt: Um taktile Empfindungen zurückzuerlangen, ist eine Therapie von ca. 5 Monaten bei Amputation des Unterarmes und 6–12 Monate bei Ober- und Unterschenkel zu erwarten. Man arbeitet nun intensiv daran, damit Patienten in Zukunft mit so einer Prothese auch zwischen kalt und warm unterscheiden können.